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Englandreise Ende Juni 2011

transition to resilience

Englandreise Ende Juni 2011

Im Rahmen der EU-Lernpartnerschaft „Transition to Resilience“, einem Grundtvig-geförderten Austauschprogramm, an dem neben dem deutschen PKI 8 weitere europäische Organisationen teilnehmen, haben PK-Designer Jan „Kipper“ Fischer und ich Ende Juni eine einwöchige Vernetzungsreise nach England unternommen.

Unsere erste Station ist Totnes, die kleine Stadt in Devon, in der vor 5 Jahren die Transition Town – Bewegung ihren Anfang nahm und wo heute auch die Fäden des internationalen „Transition Network“, eine der Teilnehmerorganisationen der Lernpartnerschaft, zusammenlaufen.
Die lokale Transition Town Totnes (TTT) und das international koordinierende Transition Network teilen sich 2 geschäftige Büro- und Arbeitsraum-Etagen, etwas versteckt gelegen in der Main Street der 8200 Einwohner zählenden Stadt. Dort erhalten wir in Treffen mit Ben Brengwyn vom Network und Naresh Giangrande, der neben Rob Hopkins als Mitinitiator der Bewegung gilt, eine Übersicht über die vielfältigen Kooperationen und Projekte, welche in Totnes und Umgebung die Basis für eine erdölunabhangige Zukunft legen.
Z.Zt. gibt es 32 Arbeitsgruppen zu 10 Hauptthemenbereichen des großen Wandels: Energie, Nahrung, Wohnen, Handwerk/Kunst, Ökonomie, Gesundheit, Transport, Bildung, Herz und Seele, TTT-Service.
Bisher wurden durch TTT beispielsweise 135 Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern der Stadt installiert, die Regionalwährung Totnes Pound, an der sich 70 Geschäfte beteiligen, eingeführt, über 200 Nuß- und Obstbäume gepflanzt sowie kleine Parks, öffentliche Gärten und „incredible edible – sides“ für gemeinschaftlichen Gemüsebau errichtet. Es gibt monatlich ca. 5-6 Veranstaltungen, darunter regelmäßige Filmabende, Workshops, Fahrradwerkstatt, Samentauschbörsen etc.
Neben freiwilligem Engagement Vieler für eine lebendige und resiliente Stadtgemeinschaft bilden auch erfolgreiches Fundraising und der Gewinn eines 625.000 Pfund schweren Preises vom Department of Energy and Climate Change der britischen Regierung eine finanzielle Grundlage für die Arbeit von Transition Town Totnes, die mittlerweile einen nicht zu übersehenden positiven Beitrag zur Ökonomie der Kommune leistet.

Per Anhalter und per pedes finden wir nach 2 Tagen und 3 Nächten in Totnes den Weg zum 15 Meilen entfernten Permakultur-Projekt Landmatters, eine Coop mit zur Zeit 8 festen Bewohnern plus einigen Freiwilligen und WWOOFern. Schön und abseitig gelegen in der hügeligen Landschaft, Energie-autark durch Windräder und Solarmodule ist Landmatters ein außergewöhnliches Beispiel für eine „low impact“- Lebenskultur auf dem Lande. Sehr gut gefällt mir die Architektur der selbstgebauten „benders“ und Jurten: wie real greifbare postfossile Science-Fiction.
Arbeitsbereiche sind Woodland-Management, Obst- und Gemüsebau zur Selbstversorgung und für den Markt in Totnes, experimentelles Bauen, Recycling, regenerative Energien etc. Außerdem finden auf dem Gelände regelmäßig Permakultur-Kurse, Workshops und Bildungsangebote für Schulklassen statt.
Um in England auf dem Land außerhalb von „normalen“ Dörfern leben zu dürfen, braucht es eine behördliche, meist nur temporäre „planning permission“. Darum hat das Landmatters-Projekt lange und energiezehrende Kämpfe geführt, doch vor kurzem hat´s geklappt und die Erlaubnis ist unter Anerkennung des niedrigen ökologischen Fußabdrucks bis 2016 erteilt.

Als nächstes besuchen wir im nahen Cornwall die Keveral Farm, wo ich 1996 als WWOOFer tätig war und ein Jahr später meinen Permaculture Design Course absolvierte. Obwohl unangemeldete Überraschungsgäste, werden Kipper und ich sehr herzlich empfangen. Für mich ist es erfreulich, nach 14 Jahren wieder an diesen Ort zurückzukehren, die Menschen wiederzutreffen und zu erleben, wie nachhaltig Permakultur ein Stück Land verwandeln kann. Aus unscheinbaren Jungbäumen ist mittlerweile ein überbordender, reichtragender Obstgarten geworden und aus einem großflächigem grasbewachsenen Hang, der Ende der 90-iger Jahre mit über 5000 Bäumen bepflanzt wurde, ein üppiger Mischwald, jetzt gerade groß genug, um den krautigen Wildwuchs auszuschattieren.
Die z.Zt. 12 erwachsene Bewohner und einige Kinder zählende Gemeinschaft ist als komplexes Geflecht sich überlappender Co-op´s (Housing, Landholding, Farming...) organisiert, was eine stabile Struktur schafft. Die Ökonomie basiert wie schon 1997 auf Gemüsebau mit regionaler Verteilung von Gemüse-Abo-Kisten, wurde aber mittlerweile erweitert durch spezielle Nischen im Marktsegment wie den Anbau von Shitake-Pilzen, essbaren Blüten, Beeren, Sprossen und Mikrosalaten (z.B. Keinlinge von Basilikum und Amaranth) für Restaurants, was bei geringem Input an Arbeit und Fläche einen hohen Output an Einkommen beschert. Ein sehr sorgfältiges Gesamt-Design schafft viel nützliche Verbindungen und Kreisläufe zwischen den verschiedenen Elementen auf der Farm. Es gibt auch einen Campingplatz auf Keveral, der ebenfalls zur Ökonomie beiträgt, einen Urlaub dort können wir nur empfehlen, die knappe Meile hinab zum Strand führt durch einen sehr schönen Wald.

Keveral Farm ist, wie übrigens auch Landmatters, eines von mittlerweile 33 „learning centers“ des LAND-Projektes. LAND steht für Learning And Network Demonstration und ist ein sehr ambitioniertes, auf 4 Jahre angelegtes Programm der British Permaculture Association, das Lern- und Demonstrationsorte für Permakultur in England einer größeren Öffentlichkeit zugänglich machen will. Der größte finanzielle Zuschuß in der Geschichte der Association, 273.000 Pfund aus Mitteln des Big Lottery Fund, machten´s möglich.

Auf dem Rückweg -wir sind mit der Bahn unterwegs- folgen wir dem Tipp von Ben und Narish aus Totnes für ein „best practice project“ und besuchen für 2 Tage Grow Heathrow, das kreative Herz von Transition Heathrow. Wenn der große Wandel dort, am westlichen Rand Londons nahe des größten Flughafens Europas, ins Werk gesetzt werden kann, müßte es eigentlich überall funktionieren. Schon das Logo von Transition Heathrow ist visionär: 3 Figuren schieben in gemeinsamer Kraftanstrengung ein Luftschiff über einen „peak“.
In Sipson, einer dieser zwischen Autobahn und Flughafen eingeengten Gemeinden dieser Gegend, die weder Dorf noch Stadt sind, besetzen einige Aktivisten im März 2010 das runtergekommene Gelände einer ehemaligen Gärtnerei, befreien es von 20 t Müll, setzen 3 verfallende Gewächshäuser instand und statten sie mit Gemeinschaftsküche und gemütlichem „hanging out“-Bereich aus, bauen Kompostklos und Hochbeete für Gemüse, richten Schlafräume und Büros in Containern ein, machen sich weiter wohnlich in Jurten und Zelten.
Auch das angrenzende Gelände fasziniert uns, Brombeerdickicht rules, Sukzessionen von Holunder und Eschen durchwachsen weitere mehr als marode Gewächshäuser, „wie nach Ende der Zivilisation“, wie Kipper trefflich bemerkt. Nature takes its course.
Die Besetzer-Gruppe ist vom Altersdurchschnitt gemischt und ergänzt sich sehr gut: der über 60-jährige Phil, ehemaliger Bankräuber, diktiert dem 20-jährigen Joe direkt in den Laptop: Eingaben fürs Gericht, mit dem sie als Squatter unvermeidlich zu tun haben. Die jungen Kids sind fit am Computer, die Webseite ist gut gepflegt und stets aktuell, fortlaufende Dokumentation. Ein Anderer, Mitte 40, betreibt in einem Teil der Gewächshäuser eine wöchentliche öffentliche Fahrradwerkstatt und kümmert sich auf einer nahe gelegenen Fläche, die übrigens Greenpeace einst im Widerstand gegen den Ausbau der 3. Landebahn des Airports -unter Cameron nun fallengelassen- gekauft hat, um den kommunalen Gemüsebau. Andere wiederum malen liebevoll Schilder für einen Stand auf einem Fest in der Nachbargemeinde.
Transition Heathrow strahlt sehr positiv in die umgebende Community aus, angeblich ist die Kriminalitätsrate schon um die Hälfte gesunken. Die Squatter bepflanzen mit Schulkindern Hängekörbe mit Blumen und Gemüse, die im Ort ihre Abnehmer finden: Projekt „Heathrow Villages Are Blooming Marvelous“. Zur 1-jährigen Geburtstagsfeier der Geländebesetzung gibt es einen großen Tortenwettbewerb, über 100 Leute, Familien aus der Nachbarschaft sind dabei.
Am Tag der königlichen Hochzeit gibt es eine Großrazzia, 40 Polizisten durchsuchen alles und finden nichts außer Gemüse, Hühner, Bienen und kreative Menschen, die mit Begeisterung für eine zukunftsfähige Gemeinschaft eintreten. „Squatters only armed with vegetables“ lautet dann die Schlagzeile in der Lokalzeitung.
Darüber hinaus leistet Transition Heathrow eine gute überregionale und internationale Vernetzungsarbeit: letzten März fand in Sipson ein europäisches Treffen von Reclaim The Fields- Aktivisten statt, im Frühsommer ein Treffen der TT-Initiativen des Großraum Londons, vor Kurzem waren sie auf der Transition Network Conference in Liverpool präsent.
Grow Heathrow befruchtet die Transition-Szene mit Elementen und Positionen des activism und der direct action und stößt damit aktuell einen spannenden Diskurs an.

www.transitiontowntotnes.org
www.transitionnetwork.org
www.landmatters.org.uk
www.keveral.org
www.permaculture.org.uk/land
www.transitionheathrow.com