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Tagung "Urbane Landwirtschaft und Gärten", 23-25.10.09

Bericht von der Tagung "Urbane Landwirtschaft und Gärten - zur Zukunft der Städte" in Tutzing, 23.-25.10.09  

von Karsten Winnemuth

 

Gut 120 Leute, darunter Stadt-und Landschaftsplaner, Gartenaktivisten, Pädagogen, Sozio-und Biologen, Journalisten, Landwirte, Studenten, fanden sich am Freitag Nachmittag in der Evangelischen Akademie im Schloß Tutzing ein, edel gelegen direkt am Starnberger See.

Christa Müller von der Stiftungsgemeinschaft anstiftung-ertomis umriß in der Begrüßungsrede das Potential urbanen Gärtnerns für den Umbau der postmodernen Industriegesellschaft und für eine postfossile Stadtgestaltung. Die Bewegung sei, was auch letzthin erschienene Artikel in Stern und Spiegel etc. belegen, eine Art Megatrend. Stichworte: die städtische Natur als Sozialraum, Gestaltung von Subsistenzräumen,....

Prof. Detlef Ibsen, Soziologe am Kasseler ASL-Fachbereich, zeichnete in seinem Vortrag "Zukunft des Städtischen" die Bewegung von der Stadt zur urbanen Landschaft nach, mit Blickrichtung auf das Phämomen der Mega-Urbanisation in Asien, Afrika und Lateinamerika, wo für uns namenlose Megacity-Geflechte rapide (und zu 85% ungeplant) wachsen und die Grenzen Stadt - Land längst verschwimmen. 2009 lebt über die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, in 10-15 Jahren wahrscheinlich 2/3. Ibsen beforschte als solche Region das Pearl River Delta in China, zeigte Bilder von dortigen landwirtschaftlichen Inseln, die oft transitorisch (übergangsmäßig) sind und ganz pragmatisch oder aus finanziellem Kalkül Lücken im hybriden Raummuster dieser Stadtlandschaften besetzen.

Abends sprach Dr. Marit Rosol vom Frankfurter Institut für Humangeografie über Community Gardens und City Farmers in Nordamerika; urban farming zur Selbstversorgung und als Teil einer sozialen Bewegung ist dort ein starker Trend, der schon Anfang der 1970er mit der Green Guerilla- und Community Garden-Bewegung begann. In New York z.B. gibt es heute 780 Community Gardens, in Toronto ca. 100. Diese werden oft ehrenamtlich und gemeinschaftlich organisiert, aber meist in enger Zusammenarbeit mit den städt. Kommunen. Entspechend der vergleichsweise größeren Notwendigkeit gibt es in Nordamerika längst kommunale Koordinationsstellen und städtische Programme wie den "Food Policy Council" (Toronto 1990) und den"Community Garden Action Plan" (Toronto 1998) sowie "Food Banks","Food share" etc., was in etwa den hiesigen "Tafeln" entspricht.

Am Samstag vormittag zeigte Prof.Dr. Susanne Hauser vom Berliner Institut für Geschichte & Theorie der Gestaltung vielfältige inspirierende und provozierende Bilder zur Ästhetik urbaner Agrarlandschaften, begonnen bei mittelalterlichen städtischen Nutzgärten über die Kriegs- und Notgärten der letzten Weltkriege (Kartoffelacker vorm Berliner Reichstag 1947), über Land Art Projekte, städtische Bienenhaltung bis hin zu utopischen Entwürfen wie www.agropolis-münchen.de, London yields (siehe google) und sciencefictionhaften Architekturentwürfen von green towers und vertical farms.

Danach der Vortrag von Dr. Elisabeth Meyer-Renschhausen über "die neue Städtische Landwirtschaft und ihre Geschichte": sie bringt Beispiele aus Afrika, wo in Städten aufgrund der Notwendigkeit für eine informelle Ökonomie Nahrung angebaut wird wo immer es geht, auf Müllhalden, in Flußbetten etc.. Überraschender Fakt: 85% der landwirtschaftlichen Produktion stammen aus Kleinproduktion.
Weitere Stichworte: Gärten als CO2-Senken, Gemüse statt Wiesen, Avandegardening, Guerilla-Gardening als botanisches Pendant zu Graffitikunst.
Zur Geschichte: erwähnt werden z.B. die Ackerbürger =Städter, die von der Landwirtschaft lebten (noch ein Begriff in DDR); die Allmende (engl. commons) als Nutzungsgemeinschaft; die Bodenreformen des 19. Jahrhunderts als Resultat des Kampfes der Landlosen (Owen, Henry George); die Gartenstadtbewegung und die Modellsiedlungen der 1920er Jahre (Leberecht Migge). Betont wird die Notwendigkeit zur Rückkehr zu einer kommunalen Bodenvorratswirtschaft, z.B werden in Milwaukee, USA 10% der Stadtfläche für Landwirtschaft vorbehalten. Dagegen steht aber heutzutage die massive Bodenspekulation und der Ausverkauf von Flächen wegen knapper kommunaler Kassen.

Über "Städtebau und nachhaltige Stadtentwicklung" sprach dann Heike Bruckner von der Stiftung Bauhaus, Dessau. Am Beispiel Dessau zeigte sie den zur globalen Mega-Urbanisation gegenteiligen Trend von schrumpfenden Städten, wie z.B. in Ostdeutschland verbreitet. Dessau als 3.-größte Stadt in Sachsen-Anhalt schrumpft von 100.000 Einwohnern 1990 über 80.000 Ew 2000 auf voraussichtlich 52.000 Einwohner 2015. Abrisse, gestaltender Rückbau schaffen neue Brachen und Leerräume. Die Stadtverwaltung dort hat im Zuge der Internationalen Bauausstellung 2002 auch mit Bürgerbeteiligung (Zukunftswerkstätten) eine Umbau-Strategie entwickelt, welche urbane Kerne mit landschaftlichen Zonen verbindet, Motto: wo Gebäude fallen entsteht Landschaft. Es gibt eine Kampagne "400qm Dessau", durch die Bürger animiert und unterstützt werden, Flächen kostenlos in Kultur zu nehmen ("Bürger-Claims") mit Gestattungsverträgen über eine städtische Koordinationsstelle. Neue Qualitäten werden angestoßen wie Renaturierung, offensive Bürgerbeteiligung, soziale Teilhabe, Stärkung von Quartiersökonomie etc.

Am Samstag nachmittag gab es Workshops mit Inputs aus der urbanen Praxis:
(1) Bauernhöfe in der Stadt – Vermarktung
(2) Kleingärten, Ökogärten
(3) Gemeinschaftsgärten – Stadtteilgärten – Nachbarschaftsgärten
(4) Interkulturelle Gärten – Kinderbauernhöfe
(5) Selbsternte – Krautgärten
(6) Schulgärten – Bildung für nachhaltige Entwicklung

Ich nahm teil bei (5), wo die Leiterin des Grünplanungsamtes der Stadt München das Münchener Planungsleitbild darstellte: zukunftsfähige Siedlungsstrukturen durch qualifizierte Innenentwicklung, kompakt-urban-grün. 16% der Stadtfläche sind landwirtschaftliche Flächen, es gibt stadteigene Güter und einen gepflegten Dialog der Kommune mit den ca. 100 Landwirten, die im Grüngürtel des Stadtgebietes Ackerbau betreiben.
Durch diesen Dialog wurden 1999 die Münchener Krautgärten initiert. Diese funktionieren wie die Gemüse-Selbst-Ernte-(GSE)-Projekte an der hiesigen Domaine Frankenhausen oder in Kassel in der Wiener Str.: lange vielfältige Gemüsereihen werden vom Landwirt besät/bepflanzt und dann quer parzelliert und als 60 qm-Parzellen an Bürger für eine Saison verpachtet, die Pächter können hacken, ernten, bei Bedarf nachpflanzen. Von 60qm kann man ca. 200kg Gemüse ernten, bei Pacht von 2,-€/qm sind das hohe Einkünfte für den Bauern, eine win-win-Situation. 2009 gibt es in München 13 Krautgärten mit ca. 700 Parzellen, ca. 5,5 ha. Die Stadt München agiert als Vermittler zwischen Landwirt und Nutzer, es gibt eine Koordinationsgruppe mit einer festen Stelle dafür, zuständig auch für Öffentlichkeitsarbeit etc.
Für GSE-Projekte ist die Zusammenarbeit mit Landwirten auf bestehenden Agrarflächen sehr clever und macht es viel einfacher als hier in Kassel, wo eine neu bestellte Brache erstmal mit einigem Arbeits-Input so kultiviert werden mußte, daß z.B der Unkrautdruck minimiert wird. Thomas Mauer berichtete Erfahrungen von dem GSE-Projekt an der Wiener Str., das 2006 über die UniK initiiert wurde. GSE als neuer städtischer Freiraumtyp!

Am Abend:
Marco Clausen von Nomadisch Grün (g)GmbH stellt den Prinzessinnengarten (http://prinzessinnengarten.net) in Berlin vor:
Die Lücke nutzen !
Der Prinzessinnengarten in Berlin-Kreuzberg 5500 qm.
Ein mobiler(!) Garten mit Anbau in großen, geschenkten Bäckerkisten, auf Paletten mit Hubwagen transportabel.
Um dies zu machen bedarf es besonderer Eigenschaften wie z.B. Dilettantismus, Mut, Verzweiflung, just do it ! ….Dies ermöglicht Prozesshaftigkeit.
Angeregt durch die Geschehnisse in Kuba, haben Robert und Marco auch in Berlin mit der mobilen, urbanen Landschaft begonnen. Neben dem Gärtnern haben diese Orte aber auch einen sozialen und netzwerkenden Charakter. Aber auch Hedonismus muss sein: Nomadisch Grün möchte, dass die Leute Spass haben. Ebenso kommen der Konsum und Genuss nicht zu kurz: die Ernte wird verkocht, so erschliessen sich auch die Nahrungsketten von selbst.
Die Mobilität ermöglicht, leichter an Flächen heranzukommen, da gegeben ist, dass die Zwischennutzer auch weiterziehen wenn es erforderlich ist.
Die Miete ist recht hich, aber wie hoch ?
Der Prinzessinnengarten agiert multifunktional, hat also verschiedenste Standbeine: Gastronomie bzw das Verkochen der eigenen Ernte, Kinder- und Jugendarbeit (Aktivierung), Ausstellungen, workshops, Kultur, …
Der Erfolg des Projekts kam durch Öffentlichkeitsarbeit und dem Aufsatteln auf vorhandene Trends. Hieraus entsteht dann die Etablierung städtischer Netzwerke. Somit ergeben sich die meisten der benötigten Resourcen von selbst.
Geplant sind ca 1000 Beete, damit sich ökonomische Prozesse tragen können.
Was machte die urbane Landwirtschaft eigentlich urban ? Urbane Landwirtschaft hat spezifische Qualitäten.
Urbanität ist das Aufeinandertreffen fremder Menschen.
Der Prinzessinnengarten gibt diesen Prozessen Raum. Die Lücken so nutzen, dass es einen Gewinn an Urbanität gibt.
Die Menschen werden angesprochen als Konsumenten, aber auch als Macher_innen, Mitmacher_innen oder Kreative .

und

Filme zu selbstbestimmten Stadtnutzungen von Ella von der Haide:

Eine andere Welt ist pflanzbar!
Teil 1: Buenos Aires 2003
Deutsch/Spanisch/Englisch,
DVD, 30 Minuten
http://eine-andere-welt-ist-pflanzbar.urbanacker.net/index.php

plus ein Filmbeitrag zu Guerilla Gardening Aktivitäten in München

und Weltpremiere: ein Filmbeitrag zu Berliner Grünen Lernorten am Beispiel des Gartenschaugeländes in Oranienburg

Am Samstag abend bin ich nach München auf ein Konzert unserer befreundeten Gruppe EMBRYO, was sehr lohnend war, weil ich dort gute weitere Kontakte geknüpft habe schon für unser 7. FreeFlowFestival im Herbst 2010. Hatte die Ehre, auf Karl Valentins Orginal-Posaune zu spielen und eine lange Nacht, so daß ich den Sonntag vormittag der Tagung verpasste, wo es um Perspektiven der urbanen Landwirtschaft aus Sicht der Planung/Verwaltung, der Politk und der Landwirte ging.
Ihr findet aber Berichte auch hierüber auf der sehr guten website www.urbanacker.net unter "Aktuelles", wo ein Großteil der Tagungsinhalte als blog protokolliert ist.
Nur die letzten Schlußworte hab ich noch gehört, es ging eher philosophisch um Gärten als Zeitinseln, und: "Dumme rennen, Kluge warten, Weise gehen in den Garten" (Tahore)

viele Grüße,
Karsten